Einmal Rostock - Helsinki und zurück. Daten: Schiff: X79 'Mücke', Baujahr 1991, LOA 7.97m, LWL 6.40m, Breite 2.90m, Tiefgang 1.35m, Gewicht 1.4t Route: So. 15.07.2001 Rostock Mo. 16. Sassnitz Di. 17. Swinoujscie (Swinemünde) Do. 19. Hammerhavn/Bornholm Fr. 20. Christiansö Sa. 21. Sandhamn/Schweden So. 22. Kalmar Di. 24. Schären N Blankaholm Mi. 25. Blankaholm Fr. 27. Visby Mo. 30. Lehtma/Estland Mi. 01.08. Helsinki Fr. 03. Tallinn (Reval) So. 05. Dirhami Mo. 06. Virtsu Di. 07. Kuressaare Do. 09. Ventspils (Windau) Sa. 11. Liepaja (Liebau) So. 12. Klaipeda (Memel) Di. 14. Gdansk (Danzig) So. 19. Rostock insges. ca 2000 sm Besatzung: * Rostock - Rostock: Hella Dietz, Stephan Eckner zusätzlich: * Swinoujscie - Visby: Aretha Wasilewskaja-Gregorowicz, Jakub Gregorowicz * Helsinki - Gdansk: Geerd Anders Vorgeschichte Nach vielen Jahren Jollensegeln und zaghaften Erkundungen der Ostsee in Begleitung und auf dem Schiff meiner Eltern, wollte ich schließlich einen Ostsee-Toern auf eigenem Kiel -- und mit eigenem Schiff -- unternehmen. Im Herbst 2000 erwarb ich zusammen mit meiner Freundin Hella eine gut erhaltene X79 in Heiligenhafen. Wir nannten sie 'Mücke' und verlegten sie im Frühjahr 2001 nach Rostock. Einige kleine Wochenendtörns nach Dänemark zeigten schnell, dass wir uns mit Mücke eine längere Tour auf der Ostsee zutrauen konnten. Mitte Juli machten wir uns auf den Weg: Rostock - Swinoujscie oder: Besser zu spät als nass Vor das Vergnügen haben die Götter die Arbeit gesetzt. Nach anderthalb Tagen davon ist das Boot am Sonntag (15.7.2001) Nachmittag einigermaßen seetüchtig: Genug Proviant an Bord, Batterie aufgeladen, Groß (mit neuem drittem Reff) vom Segelmacher geholt und vor allem: Im Cockpit-Bereich eine kleine Seereling montiert. Das ist für gestandene X79-Segler zwar eine Sünde, aber wie viele von denen sind mit ihrem Schiff auch schon bis nach Helsinki gesegelt? Allein das Echolot haben wir nicht mehr montiert, aber das haben wir großzügig auf später verschoben, schließlich haben wir uns für Mittwoch früh mit Aretha und Qba in Swinoujscie (Swinemünde) verabredet. Wie das Leben so spielt, liegt der Echolot-Geber bis heute unmontiert in der Backskiste, aber nächste Woche montiere ich ihn bestimmt ... Also machen wir uns Sonntag Nachmittag bei angenehmen NW (3-4) auf den Weg nach Darßer Ort. Just vor Darßer Ort W lässt uns der Wind im Stich und wir trauen uns nicht, bei Dämmerung durch das teilweise unbeleuchtete Fahrwasser in den Hafen einzulaufen. Also segeln wir durch eine wunderbar laue Nacht bei wieder auffrischendem NW einfach weiter bis Sassnitz. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit dreht ein Motorboot der Küstenwache einen Kreis um uns, scheint aber letztlich nichts zu beanstanden zu haben und dreht ab. Am nächsten Morgen um 9 kommen wir in Sassnitz an, wo es prompt zu regnen beginnt. Wir freuen uns, die Nacht durchgesegelt zu haben und nutzen den verregneten Tag, um auszuschlafen. Dienstag früh segeln wir bei leichtem N und besserem Wetter nach Swinoujscie, wo wir gegen 18:00 beim Zoll am östlichen Flussufer gleich hinter der Mole einchecken. Um 18:30 sind wir im kleinen Stadthafen, der wie immer voll und ungemütlich ist. Wir entscheiden kurzfristig, wieder zurück zum Nordbassin zu fahren. Dort gibt es zwar nach der aktuellen Ausgabe der DSV-Hafenhandbuches keine Liegeplätze, aber die vielen Masten, die wir vom Kanal aus gesehen haben, scheinen das Gegenteil zu versprechen. Und tatsächlich ist das Nordbassin voller Segelboote, die, wie wir später erfahren, an einer von der EU initiierten Europa-Regatta (Ystad, Rönne, Swinoujscie, Sassnitz) teilnehmen. Vom Hafenmeister erfahren wir, dass das Nordbassin mit EU-Geldern in den nächsten Jahren zum Yachthafen ausgebaut werden soll. Liegen kann man dort jetzt schon sehr gut, wenn man von den sehr aktiven Mücken mal absieht. Anlässlich der Regatta gibt es gleich noch ein Volksfest mit viel Speis, Trank und Musik neben dem Hafenbecken. Am nächsten Morgen kommen Aretha und Qba mit dem Nachtzug aus Warschau. Swinoujscie -- Visby oder: Karibische Zustände auf der Ostsee Den Vormittag verbringen wir mit Shopping in der Stadt, wobei wir zwei Karten der polnischen Küste erstehen. Eine recht neue polnische Marinekarte mit dem handschriftlichen Vermerk 'Stand Anfang März' und eine russische Marinekarte aus dem Jahr 1989 der Danziger Bucht. Um 15:30 legen wir ab, erledigen die Zollformalitäten und segeln bei mäßigem O Richtung Bornholm, wo wir am nächsten Morgen gegen 5:30 bei leichtem Wind in den idyllischen Naturhafen 'Hammerhavn' an der NW Spitze Bornholms einlaufen. Nach dem Ausschlafen verbringen wir einen sonnigen Tag mit Wanderungen über die N-Spitze Bornholms, die mit der Burgruine 'Hammerhus', dem nahe gelegen Steinbruch und dem See Hammersö zu den schönsten Ecken der Insel gehört. Am nächsten Morgen motoren wir durch die Flaute nach Christiansö, einer winzigen Inselgruppe 15 sm NO von Bornholm. Obwohl wir bereits mittags ankommen, ist der Hafen hoffnungslos überfüllt und der Hafenmeister verbannt uns an die Mole des Südhafens, wo wir vor Heckanker liegen (direkt an der Mole ist es zu flach). Gegen 16:00, wenn die letzte Fähre die Tagestouristen zurück nach Bornholm bringt, erwacht Christiansö auf einmal zu neuem Leben: Die Bewohner der Insel öffnen ihre Fensterläden und Türen und genießen die Nachmittags- und Abendsonne. Die Preise im einzigen Restaurant der Insel ändern sich leider nicht, und wir trinken das wohl teuerste Bier unseres bisherigen Lebens (abgesehen von dem im New Yorker Flughafen JFK vor zwei Jahren...). Bei leichtem W verlassen wir die Insel am nächsten Morgen gegen 6:30, um unter Spinnaker Richtung Schweden zu fliegen. 54 Meilen und gut neun Stunden später laufen wir in Sandhamn ein, wo uns meine Eltern mit ihrer neuen Hanse 371 und einem leckeren Stück frisch gefangenem Fisch erwarten. Derartig gestärkt, lassen wir uns am nächsten Morgen vom frischen SW unter Spi in nur sieben Stunden die 45 sm nach Kalmar hinaufblasen -- ganz gut für ein Schiff von knapp acht Metern Länge. Auf dem Weg passieren wir zwei riesige Offshore-Windräder von bestimmt 80m Rotordurchmesser, die im S Teil des Kalmarsund außerhalb des Fahrwassers aufgestellt sind. Diese Anlagen mitten im Wasser wirken befremdlich, aber ich finde sie immer noch viel weniger unheimlich als Ölbohrinseln. Nach dem Stadtrundgang mit obligatorischem Besuch des 'Gamla Slotten' in Kalmar fallen wir todmüde um halb 12 ins Bett. Tags darauf gönnen wir uns und unseren polnischen Gästen noch einen halben Tag in Kalmar, bevor wir bei leichtem S die Kalmarsundbrücke passieren und uns auf den Weg in die Schären N Blankaholm machen. Dort kommen wir am darauf folgenden Morgen an und verbringen geschlagene vier Stunden mit der Suche nach einem geeigneten Ankerplatz. Die schönsten Plätze sind natürlich längst von Schweden belegt, die ihre Sommerferien hier vor Anker verbringen. Schließlich finden wir doch eine einsame Bucht nur für uns, was auch den Vorteil hat, dass niemand unser missratenes Ankermanöver mitansieht: Das Fall des Heckankers ist einen halben Meter zu kurz und stoppt das Boot gerade in dem Moment, in dem Hella todesmutig vom Bugkorb Richtung Felsen springt -- und stattdessen im Wasser landet. Nun ja, die Schweden haben einfach mehr Übung im Anlegen an Schären... Es wird trotzdem noch ein schöner Tag mit viel Sonne und selbst gesammelten Beeren. Und abends Millionen von Mücken. Aber so ist sie nun mal, die Natur. Tags darauf segeln wir gemütlich nur unter Groß durch die tausende von Inseln aller Größenordnungen jenseits der gekennzeichneten Fahrwasser. Je weiter man ins Innere der Schären vordringt, desto größer werden die Inseln und die Landschaft gewinnt immer mehr Ähnlichkeit mit der wohl bekannten Havellandschaft: Verwinkelte Gewässer und endlose Wälder. In Blankaholm angekommen, wollen wir für die Überfahrt nach Visby noch einmal Benzin tanken. Doch die große Hitze der vergangenen Tage hat die Tankanlage außer Gefecht gesetzt. Also tanken wir nicht und hoffen auf genug Wind am nächsten Tag... der uns dann allerdings prompt im Stich lässt: Bei 0-1 Beaufort brechen wir um 5:30 auf Richtung Visby auf, denn Aretha und Qba wollen am nächsten Tag (Freitag) mit der Fähre weiter nach Stockholm und müssen am Montag zurück in Warschau sein. Nachdem wir fünf Stunden eher durch die Schären getrieben als gesegelt sind, hat der Wind anscheinend doch ein Einsehen mit uns, lässt uns dann aber 12 sm vor Visby endgültig im Stich. Fünf sm schaffen wir noch unter Motor. Wir füllen die letzten Reste Benzin in eine aufgeschnittene Plastikflasche und halten den Benzinschlauch des Außenborders direkt in die Flasche. Das bringt uns noch knapp eine Meile weiter. Dann ist endgültig Schluss und anstatt eines gemütlichen Abends in Visby müssen wir mit einem gemütlichen Abend sechs sm _vor_ Visby vorlieb nehmen. Getreu dem Motto 'ein bisschen Wind ist immer' bringen wir die restlichen sechs sm in knapp acht Stunden hinter uns und legen gegen halb drei Uhr morgens in Visby an -- Immerhin haben wir dadurch ein Mal Hafengebühren gespart. Den nächsten Vormittag verbringen wir mit der Besichtigung der reizenden Hansestadt mit ihrer fast völlig intakten, Ehrfurcht erweckenden Stadtmauer. Gegen Mittag verabschieden wir uns von Aretha und Qba, die mit der Fähre Richtung Stockholm weiterfahren. Visby -- Helsinki oder: die Sache mit der Karte Eigentlich hatten wir uns das mit den Seekarten für Finnland so vorgestellt: Wenn es sie in Berlin nicht zu kaufen gibt, erwerben wir sie eben unterwegs in Kalmar, spätestens in Visby. Beide Städte verfügen über sehr gut sortierte Segelgeschäfte und werden doch wohl finnische Karten haben... Haben sie auch, aber eben nur für die Alands. Für den finnischen Meerbusen gibt es nur Karten für die Großschiffahrt, an Detailkarten der Ansteuerung von Helsinki nicht zu denken. Die Karten im Hafenhandbuch sind auch eher dazu angetan, unsere Verwirrung ob der vielen kleinen Inseln und komplizierten Fahrwasser um Helsinki zu steigern. Also sprechen wir die Besatzung einer finnischen Halberg-Rassi an, die im Hafen von Visby gegenüber liegen. Die Finnen erweisen sich als ausgesprochen freundlich und leihen uns prompt den entsprechenden Satz Karten mit dem Hinweis, wir könnten ja die Wegepunkte im GPS abspeichern. Als ich erwidere, wir würden die Karten mit Bleistift und Pergamentpapier kopieren, zeichnet sich ein Ausdruck von irritierter Verständnislosigkeit auf dem Gesicht des Finnen ab. Wahrscheinlich überlegte er, ob es sein könne, dass deutsche Segler noch nie etwas von GPS gehört hätten ... Wir lassen uns davon nicht irritieren und kopierten fleißig zwei Karten (mit ca. 200 Mini-Inseln und Untiefen) der Ansteuerung von Helsinki. Den darauf folgenden Sonnabend ruhen wir uns in Visby aus, um uns dann Sonntag Nachmittag auf die große Überfahrt nach Helsinki zu machen. Dort haben wir uns für Donnerstag mit Geerd verabredet. Der Wetterbericht sagt für die folgenden Tage SW zunehmend 5-6 voraus, was uns die Hoffnung gibt, die 260 sm in gut zwei Tagen zu schaffen. Anfangs ist der Wind allerdings noch schwach und die Sonne brennt, so dass wir unseren Regenschirm zwischen Achter- und Backstag klemmen und als Sonnenschirm umfunktionieren. Trotzdem bekommt Hella einen Sonnenstich und verschwindet alsbald mit Kopfschmerzen unter Deck, so dass ich die Nacht allein unter Groß und ausgebaumter Genua an Deck verbringe. Beim Wachwechsel um 5 Uhr morgens hat der Wind schon auf gute 5 aufgefrischt, und wir bergen die Genua. Nach nur einer Stunde Schlaf ruft mich Hella an Deck -- inzwischen haben wir gute 6 Beaufort und eine beachtliche Welle. Wir ziehen das erste und kurz danach das zweite Reff ins Groß und wagen ein Blick aufs Barometer, das seit gestern Abend um gut sechs Millibar gefallen ist. Zu allem Überfluss wird Hella ob der aufgewühlten See und dem Gegeige vor dem Wind schließlich seekrank und muss sich mehrmals übergeben. In den nächsten Stunden fällt das Barometer weiter. Der Wind nimmt auf gut 7 Beaufort und die Welle auf ca. 4m zu. Ich habe auf der Ostsee noch nie so hohe Wellen erlebt; sie ist eigentlich zu kurz, als dass sich eine so hohe Dünung aufbauen könnte -- bis auf die Region der zentralen Ostsee bei starkem S oder SW. Gegen Mittag haben wir in Böen 8-9, weiter fallendes Baro und entscheiden uns, das dritte Reff einzuziehen. Wir hatten es direkt von der Abfahrt in Rostock noch vom Segelmacher einnähen lassen, 'für den Notfall'; denn ich war schon einmal auf der Ostsee in einer Situation, wo ich mit gewünscht hätte, ein drittes Reff einziehen zu können, aber ein Großsegel mit nur zwei Reffs hatte. Damals kam wenig später der Mast von oben. Diesmal hatten wir also ein drittes Reff, aber natürlich keine Reffleine eingezogen -- es war ja nur für den Notfall. Wenn der nun kommt, ist aber in der Regel so viel Wind, dass niemand Lust verspürt, Reffleinen in flatternde Großsegel einzufädeln. Nun, was muss, das muss. Wir setzten den Außenborder in Gang, um das Schiff auf Kurs gegen den Wind und Welle zu bringen. Als das schließlich gelang, zog ich die Reffleine ins Segel und schwor mir dabei, nie mehr ohne eingezogene Reffleinen auf längere Touren zu gehen. Bald darauf tauchte Steuerbord voraus die lettische Küste auf. Angesichts Hellas Seekrankheit und meiner Müdigkeit überlegen wir, den lettischen Hafen Lehtma an der N-Küste der Insel Hiiumaa (Dagö) anzulaufen. Der Hafen befindet sich an der NO-Ecke einer Landzunge und ist daher bei SW Wind geschützt und sicher anzulaufen. Allerdings besaßen wir keine Detailkarte der Ansteuerung. Etwas Sorge bereitete mir auch der recht abrupte Anstieg der Wassertiefe von 50 auf 10 m innerhalb von zwei sm vor der estnischen Küste. Schließlich gab unsere Erschöpfung den Ausschlag und wir änderten den Kurs Richtung Lehtma, wo wir gegen 18:30 einlaufen. Im Hafen angekommen klarieren wir ein und melden uns beim Hafenmeister, um dann in die Kojen zu fallen und bis zum nächsten Morgen durchzuschlafen. Als wir wieder aufwachen, sehen wir uns erstmal um: Der Hafen selbst besteht aus einem langen Kai, an dessen innerem Ende nach schwedischer Sitte eine Reihe von ca. 10 Bojen verlegt ist, an denen man seine Heckleine befestigen kann. Ansonsten gibt es ein Gebäude für Hafenmeister und Zoll, eine Straße, etwas weiter eine urige Bar, in der man Geld wechseln und vorzügliches lettisches Bier erwerben kann. Ansonsten: Wald. Viel Wald. Alles in allem ein sehr angenehmer erster Eindruck. Da wir aber in Helsinki eine Verabredung haben, machen wir uns schon am Nachmittag wieder auf den Weg. Das Sturmtief ist durchgezogen und es weht mit moderaten 5 Beaufort aus SW. Bei Anbruch der Dunkelheit erblicken wir Steuerbord voraus schon die Lichter Tallinns (Reval) und gegen 4 Uhr erreichen wir den Leuchtturm der Ansteuerung von Helsinki. Um halb sieben dann holen wir die finnischen Zollbeamten aus dem Schlaf, um für Finnland einzuklarieren. Nein, nicht auszuklarieren, einzuklarieren! Der Zollbeamte fragt noch zweimal nach; anscheinend segeln die Finnen selten nachts. Trotz unserer sorgfältig kopierten Karten erweist sich die Navigation in den Schären von Helsinki als nicht so einfach, aber schließlich kommen wir wohlbehalten im 'Norrahamnen' an. Wir entscheiden uns dann allerdings für einen Anleger ein Stückchen weiter südlich, an der Nordküste der Insel Katajanokka, der sich laut Hafenhandbuch noch im Bau befindet, in Wirklichkeit aber schon längst fertig ist. Erschöpft von der Überfahrt gönnen wir uns erst mal einen Vormittagsschlaf. Als wir die Köpfe gegen Mittag wieder aus der Kajüte strecken, schenkt uns ein netter älterer Herr mit bayerischem Akzent zwei frische Croissants. Noch verwundert über diese unerwartete Begrüßung erfahren wir, dass er mit seiner Frau und seinem Motorsegler seit Mitte Mai in der Ostsee unterwegs ist, gerade aus Haaparanda kommt und weiter Richtung Baltikum will. Die beiden sollten wir in der kommenden Woche häufiger treffen. Helsinki -- Gdansk oder: immer Gegen an Frisch gestärkt machen wir uns gegen Mittag auf, um nachzusehen, ob all die netten Cafés und Geschäfte, die wir voriges Jahr aus St. Petersburg kommend in Helsinki kennen gelernt hatten, noch an ihrem Platz sind: Die Bar 'Prawda' mit angeschlossenem Möbelladen, das 'Café Opera' am Westende der Pohjoisesplanadi, das Lappländische Restaurant 'Lappi' in der Annankatu 22, der Markt im alten Hafen. Glücklicherweise ist der Salat im 'Prawda' genauso lecker, wie wir ihn in Erinnerung hatten und wir fühlen uns gleich wie zu Hause. Tags darauf verpassen wir allerdings prompt, Geerd von der Fähre abzuholen, da wir natürlich vergessen haben, unsere Uhren eine Stunde vor zu stellen. Aber Dank der Segnungen der modernen Telekommunikation war auch das nicht weiter problematisch. Das Mobiltelefon piepst, während wir noch gemütlich im Café Opera sitzen, und wenige Minuten später treffen wir Geerd im alten Hafen. Seine Tasche und die mitgebrachte Sherry-Flasche verstauen wir im Schiff und verbringen noch einen netten Nachmittag in Helsinki. Früh morgens um 7 machen wir uns auf, die 45 sm auf die andere Seite des finnischen Meerbusens nach Tallinn zu segeln. Bei 3-4 Beaufort SW müssen wir -- zum ersten mal seit Rostock -- zwei kleine Holeschläge einlegen, um gegen 18 Uhr im Olympiahafen Tallinn-Pirita einzuchecken. Der Hafen ist zwar geräumig, aber übervoll mit Finnen, die ihren wahrscheinlich typischen Wochenendtrip zur andere Seite machen, wo das Bier billiger und besser ist. Ansonsten liegt man ruhig, wenn auch wenig idyllisch. Wer den Olympiahafen in Kiel kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wie es in Tallinn-Pirita aussieht. Auch ist der Hafen leider eine halbe Bus-Stunde von der Stadt selbst entfernt, aber da es keine weitere Liegemöglichkeit in der Bucht gibt, kommt man wohl nicht um Pirita herum, wenn man Tallinn sehen möchte. Und das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen! Tallinn ist eine wunderschöne alte und gut erhaltene Hansestadt, die vom Krieg unversehrt und inzwischen liebevoll restauriert ist. Die gesamte Innenstadt ist voller Leben, Cafés, kleinen Geschäften und natürlich Touristen. Und, ach ja, die Uhren muss man wieder eine Stunde zurück stellen: Im Gegensatz zu Finnland und den anderen baltischen Staaten gilt in Estland westeuropäische Zeit, was getrost als Ausdruck der Zugehörigkeit zu Westeuropa nach 40 Jahren sowjetischer Fremdbestimmung interpretiert werden kann. Wir verbringen noch den ganzen nächsten Tag in Tallinn, besuchen das Museum im alten Waffenturm, der 'Kiek in de Koek' genannt wird, weil man von ihm aus in die Küchen der umliegenden Häuser blicken kann. Im Stadtmuseum besichtigen wir eine Ausstellung über die sowjetischen Verhaftungen nach dem Verlust der Unabhängigkeit als Folge des Hitler-Stalin Paktes 1940. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die Sowjetunion das bis dato völlig landwirtschaftliche und dünn besiedelte Estland mit Schwerindustrie versehen und hunderttausende von russischen Arbeiter angesiedelt, so dass heute von den 1,5 Millionen Esten ca. 450000 russisch stämmig und der Verwaltungssprache ihrer neuen Heimat nicht mächtig sind. Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass diese Russen in dem gerade selbstständig gewordenen Estland keinen leichten Stand haben. Gerade sie hoffen daher auf die Aufnahme in die EU, wodurch sie in den Genuss der durch die EU garantierten Minderheitsrechte kommen werden. Am nächsten Morgen machen wir uns bei leichten SW auf, die estnische Küste Richtung SW entlangzukreuzen. Dabei leisten uns die wunderschönen und sehr detailgetreuen in Pirita gekauften estnischen Sportbootkarten Karten aus dem Jahre 2001 hervorragende Dienste. Wir gewinnen den Eindruck, dass Estland sich sehr um den Segeltourismus bemüht. Eigentlich wollten wir bis nach Haapsalu kommen, aber der schwache Wind zwingt uns in Dirhami Sadam anzulegen (Sadam heißt 'Hafen' auf estnisch). Die unbetonnte Fahrrinne mit fiesen Steinen auf beiden Seiten passieren wir dank der estnischen Detailkarte ohne Probleme. Ein alter, zerzauster Hafenmeister begrüßt uns erst mürrisch auf Finnisch (oder Estnisch, das ist für uns nicht zu unterscheiden). Als er herausbekommt, dass ein deutsches Schiff an seiner Mole angelegt hat, heißt er uns jedoch überschwänglich in leicht antiquiertem Deutsch willkommen. Tags darauf kreuzen wir weiter gegen leichten bis mittleren Wind und teils heftigen Sprühregen durch die engen Fahrwasser zwischen dem estnischen Festland und den Inseln Hiiumaa (Dagö), Vormsi und Saaremaa (Ösel). Die teilweise extrem engen Fahrwasser sind gut betonnt, allerdings sind die Tonnen oft so winzig, dass wir sie erst sehr spät entdecken. Wieder helfen uns die guten und detailgenauen estnischen Karten durch manches unübersichtliche Gewässer. Aus Zeitgründen lassen wir Haapsalu links liegen und segeln gleich bis zum Fähranleger Virtsu, auf Höhe der Insel Muhu zwischen Saaremaa und dem estnischen Festland. Kurz vor Virtsu legt der Wind auf schöne 5 Beaufort aus W zu, und wir spielen kurz mit dem Gedanken, über Nacht nach Riga zu segeln, das wir sonst aus Zeitgründen links liegen lassen müssten. Letztlich geben wir doch Virtsu den Zuschlag. Hier treffen wir auch, wie schon in Tallinn, die netten Bayern wieder, die uns in Helsinki mit Croissants begrüßt hatten. Virtsu besteht aus einem Fähranleger mit neu angelegtem kleinen Yachthafen aus zwei Schwimmstegen mit ca. 15 Liegeplätzen. Als wir gerade unsere Hafengebühren entrichten, weisen uns zwei Finnen auf die Sauna im Fährgebäude hin, die sie gerade besucht hatten und die noch 30 Minuten weiterlaufen würde. Anscheinend haben die Finnen und Esten nicht nur eine ähnliche Sprache, sondern teilen auch die Vorliebe für ausladende Saunagänge. Nach dem kühlen und regnerischen Tag lassen wir uns das Vergnügen jedenfalls nicht entgehen. Der nächste Tag bringt 6-7 Beaufort aus SW und wir segeln die S Küste von Saaremaa entlang zu dem Yacht- und Fährhafen Roomasaare nahe Kuressaare, der Hauptstadt von Saaremaa. Die kleine Insel Allirahu lassen wir dabei an Backbord. Dank der guten Betonnung klappt die Ansteuerung auch ohne Detailkarte. In Roomasaare begrüßt uns ein moderner, gerade fertiggestellter und gut ausgebauter Yachthafen mit einem modernen Klubhaus aus Holz. Auch die obligatorische Sauna fehlt nicht. Kneipe neben dem Klubhaus treffen wir die Bayern wieder, die die Strecke unter Motor zurückgelegt haben. Bei einem wohlschmeckendem estnischen Bier lassen wir uns von den aus Haaparanda Zurückgekehrten erklären, dass der Bottnische Meerbusen landschaftlich uninteressant sei, es an jedem Hafen N Stockholms Industrie, Schornsteine und nur Motorboote gebe, Waasa die hässlichste Stadt der Welt sei und in Haaparanda nur deutsche liegen würden, die die Ostsee unbedingt bis in den letzten Winkel aussegeln mussten. Wie viel schöner sei es hingegen in den norwegischen Fjorden! Ich muss zugeben, dass auch ich immer davon geträumt habe, mal bis nach Haaparanda zu segeln, mir aber nach dieser Beschreibung tatsächlich die Lust darauf vergangen ist. Den nächsten Vormittag verbringen wir bei schönem Wetter in Kuressaare, wo wir idyllisch und gut in der zum Restaurant umgebauten alten Mühle 'Café Veski' (Tallinna Ecke Pihtla Tee) zu Mittag essen. Danach besichtigen wir das Schloss, dessen Grundmauern aus dem 14. Jh. stammen und das komplett erhalten und in einem phantastischem Zustand ist. Von der Cafeteria des einen Turms aus hat man eine wunderbare Aussicht über die Umgebung von Kuressaare. Zurück im Hafen bestellen wir beim Hafenmeister den Zoll, denn wir wollen vor Anbruch der Dunkelheit Richtung Lettland weitersegeln. Der Wetterbericht sagt für den morgigen Tag SW 6 voraus und wir hoffen, bis morgen früh die 'Kura Kurk' (Irbenstraße), die Meerenge zwischen Saaremaa und dem Lettischen Festland am NW Ende des Rigaschen Meerbusens hinter uns zu haben, so dass wir mit dem SW gemütlich bis nach Ventspils (Windau) kommen. In Kuressaare liegen außer uns übrigens noch ca. 7 weitere deutsche Boote, die alle darauf warten, dass 'dieser verfluchte SW' nachlässt, bevor sie weiter Richtung Heimat ziehen. Darauf sollten sie alle noch sieben Tage warten müssen. Wir hingegen segeln gegen 16 Uhr bei leichtem SO unter Spinnaker los. Um 19 Uhr lege ich mich kurz schlafen. Als ich um 22 Uhr wieder an Deck komme, sieht alles nach einer ruhigen Nachtfahrt aus -- bis sich der Himmel gegen halb 12 langsam zuzieht und wir im Westen das erste Gewittergrollen vernehmen. Gewitter auf offener See ist glücklicherweise recht selten und oft sieht man es schon von weitem und hat Zeit auszuweichen. Nur eben nicht, wenn man gerade mitten in der Nacht in der Irbenstraße steckt, und sie von West nach Ost durchfahren muss. Wir schlagen kurz im Hafenhandbuch mögliche Ausweichhäfen nach: nichts in 20 sm Umkreis. Also entscheiden wir, weiterzusegeln und hoffen, dass das Unwetter woanders hinzieht. Zunächst sieht alles danach aus, dann aber kommen die Blitze immer näher. Wir nehmen die Fock weg, ziehen das zweite Reff ins Groß und Hella und Geerd begeben sich unter Deck. Das Rigg eines Segelbootes hat bei einem Blitzeinschlag die Funktion eines Faradayschen Käfigs - die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, ist also sehr gering, wenn man sich nicht gerade an Mast oder Wandten festhält. Auf der anderen Seite ist wegen der sog. Spitzenwirkung die Wahrscheinlichkeit, dass der Blitz eines nahen Gewitters auch in den Mast einschlägt, relativ hoch -- es gibt ja in der Regel keine Bäume oder Kirchtürme als Alternativen. Und, ach ja, sämtliche elektronischen Geräte an Bord würden die hohen Feldspannungen eines einschlagenden Blitzes wohl nicht überleben, trotz Faradayschem Käfig. Mit anderen Worten: die Situation war ziemlich unangenehm. Langsam zählen wir mit, wie die Blitze immer näher kommen: 10 Sekunden, 7 Sekunden, 6 Sekunden, 4 Sekunden, 2 Sekunden ... Auf einmal waren die Blitze nicht nur vor, sondern auch hinter uns. Ich denke 'OK jetzt passierts' und ... es passiert nichts. Die Blitze entfernen sich wieder und das Gewitter zieht vorüber! Nach diesem Erlebnis gönnen wir Rasmus einen großen Schluck aus der von Geerd gestifteten Sherry-Flasche und mir ist, als hörte ich einige schwere Steine der Erleichterung neben mir ins Wasser plumpsen. Später reffen wir aus, setzen die Fock und segeln weiter Richtung W. Bei Anbruch der Morgendämmerung hat der Wind auf gute 6 aus SSW zugenommen, und wir müssen uns die restlichen Meilen bis Ventspils hart erkreuzen. Dort kommen wir gegen 11 Uhr an mit dem Plan, uns flussaufwärts an den Stadtkai zu legen. Beim Zoll machte man uns jedoch ziemlich unmissverständlich klar, dass der Stadtkai gesperrt sei und wir uns zum Yachtklub im Fischereihafen zu gesellen haben. Dort liegen zum Glück vier Hamburger mit einem dicken Stahlschiff, die uns für den Nachmittag drei ihrer Räder ausleihen, so dass wir recht komfortabel in die ca drei km entfernte Stadt kommen. Das Schönste an Ventspils sind eindeutig die weißen Sandstrände an der Küste und die ausgedehnten Parkanlagen zwischen Küste und Stadt. Die Stadt selbst bietet ein recht trostloses Bild. Immerhin finden wir in der Innenstadt ein Restaurant, in dem wir -- allein auf weiter Flur -- recht anständigen Fisch zu essen bekommen. Schnell machen wir uns wieder auf den Weg zurück zum Boot und dann zum Strand gleich hinter dem Yachtklub. Leider ist es zum Baden dann doch ein bisschen zu kalt, aber allein der Sonnenuntergang belohnt uns für den Weg. Abends kopieren wir von den Hamburgern mit Bleistift und Pergamentpapier noch eine Seekarte des weiteren Küstenverlaufes. Das geht wesentlich schneller als damals in Visby die Ansteuerung von Helsinki - die Küste ist lang, glatt und ohne Untiefen. Wie wir in den nächsten Tagen noch sehen, besteht die gesamte Ostseeküste von Ventspils bis hinunter nach Kalinigrad aus einem ununterbrochenen, weißen, menschenleeren Sandstrand. Mit frisch gezeichneten Seekarten bestens ausgerüstet, laufen wir am nächsten Morgen bei mittlerem SW in Richtung Süden aus. Gegen 18 Uhr passieren wir das kleine Fischerdörfchen Pavistola und entscheiden, noch gut 40 sm weiter bis Liepaja (Liebau) zu segeln, wo wir gegen 2 Uhr morgens bei leichtem Wind ankommen. Die etwas komplizierte Ansteuerung -- von den drei Hafeneinfahrten ist ein gesperrt und innerhalb des Hafenbeckens gibt es einen Bereich mit Untiefen, an dem man vorbeizirkeln muss -- meistern wir dank mehrerer Richtfeuer und einer Kopie der Detailkarte, die uns der Hafenmeister in Ventspils mit auf den Weg gegeben hatte. Dann gleiten wir lautlos unter Groß bei einer Windstärke an den schier nicht enden wollenden Überresten der einst stolzen sowjetischen Fischereiflotte vorbei. Ohne sie gezählt zu haben -- es sind bestimmt 100 bis 120 große Fischerboote, die da eines neben dem anderen vor sich hin rotten und bei Mondschein einen gespenstischen Anblick bieten. Einst hatten sie die Ostsee so gut wie leer gefischt. Am nächsten Tag erzählt uns jemand, dass damals sogar die Felder mit Fischmehl gedüngt wurden, so viel hatten sie davon. Der nächste Tag beginnt mit einer Überraschung: Die vier Hamburger, die uns in Ventspils ihre Fahrräder geliehen hatten, stehen auf ein Mal neben unserem Boot. Sie waren nur bis Pavistola gekommen und hatten sich dort in den Bus gesetzt. Vom Bus aus hatten sie unsere Mücke erblickt und waren ausgestiegen. Zu siebend machen wir uns auf den Weg in die Stadt, in der es deutlich mehr zu sehen gibt und die auch viel lebendiger ist als Ventspils. Nahe der Küste entdecken wir ein altes Haus, dass in den 30er Jahren wahrscheinlich als Kurhaus oder Sanatorium gedient haben muss. An der Küste finden wir ein Denkmal für eine amerikanische Fliegercrew, die hier gegen Ende des zweiten Weltkrieges abgestürzt ist. Wir sind überrascht: von weitem hatten wir es für ein Memorial der glorreichen Roten Armee gehalten. Auch wenn es in Lettland nicht so offensichtlich ist wie in Estland, die Umorientierung Richtung Westen und das Unabhängigkeitsstreben der jungen Republik gegenüber der alten Besatzungsmacht Sowjetunion ist in allen baltischen Ländern deutlich zu spüren. Am nächsten Morgen checken wir aus Lettland aus und machen uns bei -- Überraschung: SSW 5 -- auf den Weg nach Klaipeda (Memel). Wir kommen gegen 16 Uhr dort an und der Wind hat auf gute 6 Beaufort aufgefrischt. Als wir in Mitten der Hafeneinfahrt zwischen den Wellen ein rostiges, nicht weiter markiertes und unbeleuchtetes Stahlfass entdecken sind sind froh, nachts in Liepaja und nicht in Klaipeda eingelaufen zu sein. Wir segeln unter Groß weiter flussaufwärts und werden bald von einem Schlauchboot des Zoll abgefangen und zum Kontrollposten geleitet. Ein junger Grenzbeamter begrüßt uns auf Deutsch und lässt es sich nicht nehmen, zu uns an Bord zu kommen, um die Zoll- und Einreiseformalitäten zu erledigen. Kurze Zeit später legen wir wieder ab, um zum 'Klaipedos Yachtclub' am anderen Ufer auf der Kurischen Nehrung zu segeln. Der Hafenmeister dirigiert uns dort in einen neugebauten Teil des Yachthafens, dessen in ca 20m Abstand zum Ufer eingerammten Dalben unsere Festmacher auf eine ernste Probe stellen. Offenbar ist man hier auf 60-Füßer eingestellt. Leider herrscht in dem neuen Becken ein unerträglicher Schwell, so dass es uns nicht lange auf dem Boot hält. Auch die Dusch- und Toilettenräume des Klaipedos Yachtclub sind leider eine absolute Katastrophe. Also machen wir und auf den Weg zur Fähre, um auf die andere Seite in die Stadt zu kommen. Wir laufen durch den alten Hafen zur Altstadt. Leider fängt es an zu regnen, so dass wir uns in eines der zahlreichen Cafés zurückziehen, wo wir zum Trost den leckersten Cappuccino seit Wochen serviert bekommen. Am nächsten Morgen laufen wir zum Bus, der uns die Kurische Nehrung entlang Richtung S zum Ort Nida (Nidden) kurz vor der russischen Grenze bringen soll. Nach einer halbstündigen Fahrt durch bewaldete Riesendünen kommen wir an und machen uns auf den Weg zur Attraktion dieses Ortes: dem Sommerhaus von Thomas Mann. Leider fängt es wieder an zu regnen und als wir das in der Tat sehr idyllisch gelegene Haus erreichen, stehen wir vor verschlossenen Türen: Montags geschlossen. Fest entschlossen, uns die gute Laune nicht verderben zu lassen, besteigen wir noch ein paar der ca. 50m hohen Sanddünen, bis es dann so richtig zu regnen anfängt, und wir uns in ein kleines Restaurant zurückziehen, um uns an Suppe und Tee die Hände und Mägen aufzuwärmen. Nachmittags zurück beim Schiff hört der Regen auf, aber nicht der steife SW Wind, der uns nun in unterschiedlichen Stärken schon seit Helsinki begleitet. Genervt vom starken Schwell im Hafenbecken entscheiden wir, trotzdem Richtung Gdansk (Danzig) auszulaufen. Also flugs beim Hafenmeister abgemeldet und den Zoll für 18 Uhr bestellt. Bei guten 6 aus SW und grauem Himmel kreuzen wir bei Anbruch der Dunkelheit aus der Hafenausfahrt. In unserer russischen Karte aus dem Jahre 1989 ist die Grenze zwischen Litauen und Russland (logischerweise) nicht eingezeichnet. Nach einiger Diskussion entscheiden wir, den Russen eine 12 sm Zone zuzubilligen und richten unsere Kreuzschläge darauf ab. Der Wind nimmt noch leicht zu, als eine stockfinstere Nacht beginnt, in der man das Gefühl hat, die eigene Hand nicht vor Augen sehen zu können (geschweige denn die nächste der äußerst ruppigen Wellen). Ich teste ein paar Mal, ob es irgendeinen Unterschied macht, mit offenen oder mit geschlossenen Augen gegen Wind und Welle zu kreuzen. Ergebnis: Bei geschlossenen Augen bekommt man deutlich weniger Salzwasser in dieselben. Die Sicht nach vorne allerdings ist die Gleiche. In diesem Moment bin ich einmal mehr froh, mit Geerd jemanden dabeizuhaben, dem ich auch bei diesen Bedingungen ohne Probleme das Boot anvertrauen und mich ruhig schlafen legen kann. Als wäre diese Art von Blindflug gegen Wind und unsichtbare Wellen nicht schon des Guten genug, fällt zwei Stunden nach Anbruch der Dunkelheit auch noch die Dreifarbenlaterne im Masttop aus. Sie hat schon seit längerem einen Wackelkontakt, den wir bisher durch gefühlvolles gegen-den-Mast-Treten behandelt hatten. Aber ausgerechnet heute, wo wir bei mieser Sicht an der russischen Grenze entlang kreuzen, versagt sie völlig den Dienst. An eine Reparatur mitten in der Nacht bei 6-7 Beaufort gegen an ist nicht zu denken. Zurück nach Klaipeda und hoffen, bei Dunkelheit nicht gegen das unbeleuchtete Stahlfass in der Einfahrt zu fahren erscheint uns ebenfalls nicht ratsam. Also kreuzten wir -- unbeleuchtet wie ein Schmugglerschiff -- bei stockfinsterer Nacht gegen Wind, Welle und Regen. Bei Tagesanbruch - der Wind hat auf 5-6 nachgelassen - tauchen am Horizont drei russische Fregatten auf. Als wir erkennen, dass wir sie bei unserem Kurs an Steuerbord lassen -- also zwischen Küste und russischer Marine hindurchführen würden -- überprüfen wir noch einmal mit dem GPS, ob wir uns auch wirklich außerhalb der 12 sm Zone aufhalten. Eine Überprüfung unserer Visa auf See, von der Winfried Erdmann in seinem Buch 'Ostseeblicke' anlässlich der Ansteuerung von St. Petersburg berichtet, wollen wir unbedingt vermeiden. Außerdem haben wir gar keine Visa für Russland. Aber wir befinden uns wirklich außerhalb der 12-Meilen Zone. Als wir uns den Fregatten nähern, ändert eine von ihnen sogar leicht ihre Position, um uns aus dem Weg zu sein. Wir vermuten, dass die Schiffe dort das ganze Jahr über liegen und Funkverkehr abhören müssen. Das ist natürlich ziemlich langweilig, und ein kleines Segelboot anscheinend so eine außergewöhnliche Abwechslung, dass man schon mal die Maschine anschmeißt und sich ein paar hundert Meter nach vorne verlegt. Wir allerdings lassen es dann doch nicht darauf ankommen und wenden weg, um den Schiffen nicht zu nahe zu kommen. Fregatten im Morgengrauen haben etwas Unheimliches an sich, insbesondere nahe der russischen Grenze ... Im Laufe des Tages lässt der Wind immer weiter nach und es hört auf zu regnen. Endlich. Gegen 18 Uhr passieren wir die Halbinsel Hela an Steuerbord und segeln in die Danziger Bucht. Der Wind lässt immer weiter nach, so dass wir erst gegen ein Uhr nachts am Zollanleger festmachen. Der Zollbeamte, ein Junge von ca. 20 Jahren, ist in seinem Zollhäuschen vor dem Fernseher eingeschlafen. Nach mehreren Versuchen mit Klopfen und Rufen wacht er schließlich auf. Etwas unangenehm berührt ob seiner Pflichtvergessenheit, hellt sich sein Gesicht sofort auf, als er feststellt, dass er sich mit Hella auf polnisch unterhalten kann. Die Zollformalitäten sind unter diesen Umständen, wie so viele andere Dinge in Polen, auf einmal ganz unproblematisch. Wir schmeißen den Motor an und fahren Richtung Altstadt. Nach ca. 30 Minuten tauchen die imposanten Anlagen der ehemaligen Lenin-Werft vor uns auf. Hier führte der Werftarbeiter Lech Walesa im Jahre 1980 die Arbeiter in den Streik, der den Polen erst das Recht auf unabhängige Gewerkschaften, dann das Kriegsrecht einbrachte und eine Bewegung in Gang setzte, die 1989 mit dem Fall der Mauer und dem Zerfall des Ostblocks endete. Ehrfürchtig und nachdenklich lassen wir die riesigen Anlagen an uns vorüberziehen. Weitere 30 Minute später sind wir mitten in der Altstadt. Als die neuen Schwimmstege der Danziger Marina vor uns auftauchen, legen uns an den erstbesten und fallen in tiefen Schlaf. Der nächste Morgen grüßt uns - nach 14 Tagen grauen Wolken, Kälte und Regen - mit Sonnenschein, blauem Himmel und karibischen Temperaturen. Wir räumen als erstes das Boot aus, um endlich die Polster in der Sonne trocknen zu können. Danach gönnen wir uns einen Stadtrundgang durch die Danziger Altstadt und suchen eine Zugverbindung für Geerd, der abends mit dem Nachtzug zurück nach Berlin fährt. Da der heutige Tag irgendein hoher katholischer Feiertag ist, müssen wir lange suchen, bis wir eine der typischen polnischen Milchbars entdecken, die offen hat. Leider halten die Danziger Milchbars nicht das, was die Warschauer Milchbars versprechen. Unser Mittagessen ist ein ziemlicher Reinfall und Hella ist untröstlich, dass sie keine echten Pirogi Ruskie mit saurer Sahne bekommt. Später setzen wir uns in ein Café in der Altstadt und bekommen doch noch sehr ordentliches Essen. Abends bringen wir Geerd zum Bahnhof und schlendern noch ein wenig durch die schönen Gassen der alten Hansestadt. Gdansk -- Rostock oder: Der Mast hält doch! Am darauf folgenden Tag klettert Hella, mit dem Großfall gesichert, in den Mast, um die Birne der Dreifarbenlaterne auszutauschen. Dabei stellt sich heraus, dass sie gar nicht kaputt ist, sondern nur ein wenig aus der Fassung gerutscht war. Daher also der Wackelkontakt. Beruhigt kaufen noch ein wenig ein und machen uns dann gegen 2 Uhr nachmittags auf den Weg nach Rostock. Es ist Donnerstag und Hella muss Montag früh in Wien zur Arbeit erscheinen. Ein angenehmer leichter SW bläst uns unter Spi bei strahlendem Sonnenschein an der Halbinsel Hela vorbei aus der Danziger Bucht. Ein deutscher vom Steg nebenan meinte, um das Schießgebiet vor Hela bräuchten wir uns keine Gedanken machen, aber das vor Darlowow sollten wir unbedingt umfahren. Ich hatte auch schon das Gegenteil gehört, aber zumindest durch das erste Gebiet kommen wir unbehelligt. Der Wind bleibt leicht und dreht S, so dass wir weiterhin halbwinds mit Spi segeln können. Gegen 16 Uhr 'erwischt' uns eine leichte Bö (3-4 statt 3 Beaufort) und drückt das Schiff flach aufs Wasser. Dabei macht es kurz leise 'klack' und irgendwas fällt von oben aufs Deck. Ich lasse die Spischot ausrauschen und rufe Hella an Deck. Einen Augenblick später sehen wir, dass das Luvbackstag direkt am Ansatzpunkt am Mast gebrochen ist. Wir fahren schnell eine Halse und nehmen den Spi weg. Ich bekomme langsam mehr Vertrauen zu dem eigentlich recht langen und dünnen Mast der X: Unter Spi in die Sonne geschossen, das Backstag unter Volllast gebrochen und der Mast steht noch. Dann wird er auch noch die letzten 300 sm bis nach Rostock überleben. Wir spannen das Spi-Fall als Ersatz-Backstag nach hinten und segeln bei leichtem Wind unter Groß und Genua weiter. Die folgenden zwei Tage bringen uns ruhige Am-Wind-Kurse bei Sonnenschein und ein bis drei Windstärken durch eine menschenleere Ostsee. Bis vor Rügen begegnen wir keinem einzigem anderen Schiff, weder Segler noch Berufsschiffahrt oder Fischer. Sonnabend Nachmittag passieren wir Kap Arkona. Einige Meilen vor der Küste liegt ein Schiff der deutschen Küstenwache. Einige andere Segler kreuzen von Bornholm kommend unseren Kurs -- und werden von einem Beiboot der Küstenwache auf offener See abgefangen und kontrolliert. Und wir dachten, so etwas gäbe es nur in Russland! Schließlich nimmt das Schlauchboot auch Kurs auf uns, wird dann aber auf halber Strecke anscheinend vom Mutterschiff zurück beordert und zu einem anderen Segler geschickt, der aus Richtung Bornholm kommt. Wahrscheinlich waren wir für ein echtes Asylbewerber- oder Zigarrettenschmuggelschiff einfach zu klein. Später dreht der Wind über S auf O und nimmt gegen Abend auf 5-6 Beaufort zu. Wir bergen die Genua und segeln nur mit dem Zweifach gerefften Groß durch die Nacht. Gegen 6 Uhr morgens passieren wir Warnemünde und erreichen um kurz vor acht unseren Liegeplatz im SSV, mit Blick auf die Rostocker Altstadt. Ziemlich geschlaucht von knapp 3 Tagen nonstop segeln zu zweit (und ohne Selbststeueranlage) fallen wir in unsere Kojen und schlafen erst mal aus. Nach knapp 2000 sm in 35 Tagen sind wir wohlbehalten an unseren Ausgangshafen zurückgekehrt.